AllgemeinLaufenLeichtathletik

Zeitreisen für Anfänger

Zeitreisen für Anfänger – mein erster „Zeitsprungmarathon“ in Bremen. Ein Laufbericht von Wibke Harnischmacher aus dem Laufteam. 

Zwei Wochen zuvor ein schnellgefasster Entschluss: Ich buche spontan einen Startplatz für den 22. Bremer Zeitsprungmarathon – die Startgebühr fällt mit 30 Euro sehr moderat aus – eine Fahrkarte für abends hin, eine Fahrkarte für den Frühzug zurück… soweit die Theorie, es ist mein erster Marathon hier, aber bestimmt nicht der Letzte. Für das Startgeld, so heißt es in der Ausschreibung, gibt es folgende „Leistungen: elektronische Zeitnahme, Toiletten, Medaille, Getränke, Verpflegung (z.B. selbstgemachte warme Suppe im Ziel!), Online-Urkunde und nette Menschen! “ und das ist absolut keine Übertreibung!

In einer sehr netten Mail werde ich über alles Wichtige informiert. Den Hinweis auf die Stirnlampe nehme ich zwar mit, spare sie mir aber vor Ort – das geht bei der Streckenführung (wenn man bereit ist, es auf den wenigen unebenen Streckenabschnitten etwas langsamer angehen zu lassen) ganz gut. Außer der Reihe besorge ich die „Lindor-Schoko-Kugel“, die an einer Stelle unvermutet in der Ausschreibung steht – kleines Indiz, ob jemand den Ausschreibungstext auch wirklich bis zum Ende gelesen hat.

Gute drei Tage vor dem Lauf werden alle Läufer von Hauptorganisator Olaf Häsler darüber informiert, es sei zu erwarten, dass die Laufstrecke nachts gegen drei unter Wasser steht, deshalb sei eine Vorverlegung der Startzeit um zwei Stunden nötig. Für Frühstarter (Marathonis von 5h und mehr starten eine Zeitstunde zuvor) bedeutet dies nicht 23 Uhr sondern, bereits 21 Uhr am Start stehen…. Mal gespannt, ob das so klappt mit meiner Bahnverbindung, die mich planmäßig in etwas mehr als zwei Stunden Fahrtzeit (wusste nicht, dass Bremen so nah liegt!) um 20:17 Uhr planmäßig zum Bremer Hauptbahnhof bringen soll.

Auch heißt dies zwei Stunden länger auf den Frühzug warten, sodass sich ein Hotel mit heißer Dusche ja doch noch lohnt – gefunden und gebucht! Sicherheitshalber schreibe ich Olaf, dass ich wahrscheinlich etwas später komme. Als Marathonsammler von 750 Läufen und mehr ist er tiefenentspannt: „Wenn Du da bist, bist Du da – kein Stress.“

Die Deutsche Bahn hält sich tapfer, ist aber erst mit 73 Minuten Verspätung im Ziel…. Hahaha, den Zeitsprung habe ich jetzt schon hinter mir. Das ursprünglich geplante Einchecken im Hotel spare ich mir nach einem netten Telefonat mit der Rezeption („Wann checken Sie denn stattdessen wohl nachts ein?“ – „Gegen halb vier.“ – „Waaas? Das ist ja furchtbar! Hat Ihre Bahn soooo viel Verspätung?“ – „Nein ich laufe vorher einen Marathon.“ – „Aha.“ Schweigen, Lachen, „Na, dann toi toi toi und bis später!)

Das Ankommen in Bremen ist wuselig: Kirmeszeit direkt am Vorplatz, mein netter Taxifahrer (es gibt auch einen Regionalzug in den Bremer Norden zum Start in Bremen Vegesack, aber das ist mir jetzt zu kitzlig), klärt mich auf: „Das ist das Großereignis des Jahres, normalerweise brauchen wir fast eine viertel Stunde bis zur 1. Ampel!“ Vom Zeitsprung Marathon hat er noch nie etwas gehört und fragt sich vermutlich, je weiter wir nach Norden kommen, ob ich vielleicht nicht mehr ganz so sauber ticke, er kenne ja Marathon nur mit großflächigen Straßensperrungen… hier sei ja nur die Weserpromenade.

Zum Beweis – ich bin ja schon so spät dran, dass bereits die Nicht-Frühstarter soeben losgelaufen sind – kommen uns allerdings just ein paar Läufer mit Stirnlampe entgegen und wir verabreden uns wieder für den Weg zurück.

Die Begrüßung an der „Signalstation“ ist herzlich, sehr opulentes Buffet, schöne Startnummer, eigener Becher und ich bin endlich auf der Strecke, für Marathon auf 21 Runden.

Ich genieße alles, den klaren, schönen Sternenhimmel, die wunderbar illuminierte, andere Seite der Weser, das glitzerndes Wasser mit dem Fährschiff, das bis etwa 1 Uhr nachts immer hin und her pendelt und … Moment mal, das ist ja ein Wal da vorne! Tatsächlich, zumindest eine Walfluke, die künstlerisch an die Historie des Ortes erinnert.

Ich fühle mich sofort zu Hause – nicht nur, weil die Rundenführung sogar bei meinem Orientierungssinn ein Wiedererkennen zulässt, sondern auch, weil ich immer wieder überholt werde von Läufern mit „TC B“-Trikot: Ein gutes Omen, denke ich, TC Kray und TC Bremen. Hinterher realisiere ich, dass die hohe Grundschnelligkeit der Läufer vielleicht auch etwas damit zu tun hat, dass die Bremer anders als wir Krayer mit „Ihrem“ TC einen Triathlon-Club meinen…

Von Runde zu Runde stellt sich mehr der Gedanke ein, dass es so ein besonderes Geschenk ist, eine Nacht durchzulaufen zu können, mit so netten Mitläufern, die sich nicht wundern, dass ich keine Stirnlampe habe wie die meisten sondern mit hörbarer Musik laufe – na, die Stadtmusikanten kommen auch aus Bremen!

Ich gebe zu, mir gerät es bei meiner Euphorie (und meiner im Dunkeln schlecht lesbaren Laufuhr) doch etwas Vergessenheit, dass man sich manchmal einen Marathon durch viel zu schnelles Anlaufen noch schwerer machen kann. Nach hinten raus fehlen nicht nur einige Körner, mir wird auch von Runde zu Runde immer bewusster, warum die Mail vor ein paar Tagen kam – Hochwasser! Aber wann genau, nach Sommerzeit oder Winterzeit? Auch tut es mir irgendwann leid um diese lieben netten Menschen des Orga-Teams, die ja auch alle irgendwann ins Bett sollen. Schließlich frage ich offen, für mich ist es völlig in Ordnung, wenn ich den Lauf nach 30, 32 km abbrechen soll. Zu meiner größten Überraschung sagt Olaf nur: „Komm, lauf weiter, wir sind da!“

Neben ihm und den anderen freundlichen Menschen am VP ist es auf den letzten Runden die Mitläuferin Tanya – auch mit dem Zug nur für diese Nacht angereist, und zwar aus Göttingen, Wahnsinn! -, die mich immer wieder motiviert anzulaufen; danke! Endlich letzte Runde mit Ziel … Dabeisein ist alles denke ich noch vor mich hin … aber auch diese Überraschung gelingt: Heiße Suppe, Urkunde, Medaille, und während ich mich noch voller Dankbarkeit mit „meinem“ Taxifahrer in Verbindung setze (der fast schon nicht mehr mit meinem Anruf gerechnet hat), bekomme ich mit: Das ist eine Punktlandung, gerade ist alles abgebaut als das Wasser nach oben steigt…

Ich genieße die heiße Dusche im Hotel (Notiz an mich selber: Nächstes Mal vor Buchung sicherheitshalber nach steilen Treppen fragen, die man vielleicht nachts nicht mehr alleine hochkommt :D) und falle für etwa anderthalb Stunden glücklich noch ins Bett. Meinen Frühzug nach Essen Hauptbahnhof erreiche ich im pladdernden Regen; nicht auszudenken, was so ein Wetter für den Lauf heute Nacht bedeutet hätte!

Fazit: Ein absolut empfehlenswertes Kleinod dieser Lauf, liebe Bremer: Ihr könnt stolz auf diesen Lauf sein! Ich bin so froh, dass ich bei euch war. Oder um es in Filmsprache zu sagen: „Let’s do the timewarp again!“

Bericht und Foto: Wibke Harnischmacher